Was für ein episches Drama, was für ein toller Fight, was für eine opulente Nachspielzeit und was für eine überragende Moral: Am Donnerstagabend zog der RSV Germania 03 beim Wiedereinstieg ins Kreisliga B – Geschäft als Gast von TSG 46 Darmstadt II sämtliche Spannungsregister und verwandelte auf der radikal verlängerten Zielgerade einen 2:3-Rückstand in einen 4:3-Triumph.
Wer eine Eintrittskarte für das Flutlichtmatch ergattern konnte, durfte sich glücklich schätzen. Wegen solcher Thriller trällerte Barde Wolfgang Petry einst seinen Nummer Eins – Hit „Wahnsinn“ ins Mikrofon. Beide Mannschaften spielten so lange mit den Gefühlen, bis der Rasensportverein die gastgebende Seele erfrieren ließ.
Vom Start weg wurde deutlich, dass sowohl hüben wie drüben nur eine Marschroute zählte: Der Sieg. Ein handelsübliches Abtasten fiel ins Wasser des nahen Woog. Ohne großes Mittelfeldgeplänkel suchten die Kontrahenten ihr Heil in der Offensive, so dass die Sechzehnmeterräume ad hoc in den Fokus rückten.
Die erste halbe Stunde präsentierte sich der Hausherr eine Spur effizienter. Zwar eröffnete Max Meiers Vorleistung Mehmet Köroglu eine gute Gelegenheit zur Führung (TSG-Keeper Rafael Abele entschärfte den Abschluss), aber das Plus an Torchancen gebührte dem Platzhirsch.
Nachdem RSV-Goalie Nikola Rehak zwecks Defizit-Verhinderung zweimal Kopf und Kragen riskieren musste, bugsierten Tobias Schmidtner und Timo Gräfe per Doppelschlag die Germanen Richtung Ergebnis-Bredouille, ehe ein schnörkelloser Konter das Hoffnungszepter zurück beamte. Max Meiers scharf gewürzten Pass zimmerte Dominic Schuster bedrängt ins eigene Netz.
Trainer Ben Talib, der beim Liga-Comeback personell praktisch aus dem Vollen schöpfen konnte (achtköpfige Ersatzbank), reagierte während der Pause und installierte drei frische Kräfte. Die Maßnahme fruchtete, denn im zweiten Abschnitt multiplizierten die Germanen den Risikofaktor und schnupperten massiv am Ausgleich.
Das eigentlich für vier Zweibeiner angedachte Kartenspiel „Doppelkopf“ hantierten Max Meier und Robert Botezatu lediglich als Tandem, was die längst überfällige Egalisierung zur Folge hatte. Meier köpfte die Kugel perfekt in den Laufweg von Botezatu, woraufhin dieser zum 2:2 einschädelte und sich exakt sechzig Jahre nach dem Karriere-Durchbruch von Udo Jürgens in Luxemburg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson bei seinem Vorbereiter mit einem „Merci, Cherie“ bedankte.
Auch ein außerplanmäßiger Torwart-Tausch (Tawfik Tammo Atie hütete ab Mitte der zweiten Hälfte für den verletzten Rehak erstmals seit über zwei Jahren wieder das RSV-Gehäuse) warf die Talib-Elf nicht aus der Bahn. Während der Schlussphase plus der fürstlichen respektive ausnahmslos mit offenem Visier ausgetragenen Nachspiel-Periode überschlugen sich dann die Ereignisse.
Nach dem Kehraus erklärte der Schiedsrichter die fast fünfzehnminütige Aftertime damit, dass er nach den fraglos vielen Unterbrechungen stets seine Uhr stoppte und zudem noch weitere 300 Sekunden drauf packte. Zunächst schien die TSG von der Zugabe zu profitieren und erzielte nach einer germanischen Abwehrbock-Dublette den vermeintlichen Siegtreffer.
Im direkten Gegenzug erstickte Robert Botezatus Abnahme zum 3:3 die heimischen Feierlichkeiten im Keim. Trotz allen physischen Substanzverluste sowie psychischen Wechselbäder waren immer noch vier Minuten zu gehen, in denen sich Max Meier an zwei statistische Fakten erinnerte: Den Begriff Unentschieden als saisonales Fremdwort (bislang „nur“ Siege oder Niederlagen) und dass er ungeachtet von zwei Scorer-Punkten den Ball noch nicht persönlich eingeschweißt hatte.
Quasi mit der ultimativ finalen Aktion stornierte der Goalgetter solche Gedanken. Seine 39. Bude (!) transportierte das blau-weiße Volk nach einer denkwürdigen sportlichen Auseinandersetzung in den Ekstase-Modus, woraufhin lautstarke Auswärtssieg – Stakkatos aus dem Gästeblock hallten. Die anschließenden gelben Kartons für Meier wegen Trikot-Ausziehen und Ben Talib aufgrund eines emotionalen „Platzsturms“ waren wohl die süßesten Bestrafungen der Klubhistorie.
Dank diesem Coup (übrigens der fünfte „Dreier“ in Serie) verbesserte sich der Rasensportverein nicht nur auf den dritten Tabellenrang der B-Klasse, sondern stockte seine Torbilanz weiter auf. 77 Einlochungen nach achtzehn absolvierten Begegnungen stellen den Liga-Toppwert dar.
Aufstellung: Rehak (65. Tammo Atie), Wolf, Morris, Kyei, Botezatu, Dommert (46. Buth), Velez Gomez, Meier, Köroglu (25. Daum), Rippert (46. Kalai), Al Hadid (46. Laston)
Tore: 1:0 Schmidtner 17. 2:0 Gräfe 22. 2:1 Eigentor Schuster 38. 2:2 Botezatu 69. 3:2 Dickmanns 90. + 8 3:3 Botezatu 90. + 9 3:4 Meier 90. + 13
Bereits am Sonntagnachmittag blasen beide germanische Teams endlich wieder im eigenen Wohnzimmer zur Jagd nach Toren und Punkten. Das Zweitmannschaftsteam debütiert ab 13Uhr mit dem Job gegen TSG Wixhausen II auf dem 2026er-Pflichtspielsektor. Direkt danach gibt die „Erste“ ihr Liga-Comeback vor heimischen Publikum und empfängt SG Arheilgen II (Anstoß 15Uhr).
